Zum Paradies mögen Engel dich geleiten (GL 515 oder 516)

Letzter Corona Impuls

Eigentlich ist es ein Teil der mittelalterlichen Sterbeliturgie und wird nach den ersten Worten der lateinischen Fassung der Antiphone ‚In paradisum‘ benannt. Im Laufe der Geschichte hat der Text und seine Funktion ein paar Änderungen erleben dürfen. Die zentralste Änderung ist seine Funktion, die sich einerseits gewandelt hat, aber auch gleichzeitig damit eine Hoffnung ausdrückt: Während die Antiphone im Mittelalter eine Sterbeliturgie war und den Übergang vom irdischen Leben in den Tod begleitete, steht sie nun direkt vor dem Beginn der Prozession von der Kirche/Kapelle zum Ort der Beisetzung. In beiden Fällen markiert es einen Übergang und formuliert eine Hoffnung. Die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, dass unser Leben nicht vom Tod genommen wird, sondern dank der Auferstehung unseres Herrn, Jesus Christus, gewandelt wird. An diesem neuen und ewigen Leben Jesu Christi haben wir, dank der Taufe, Anteil erhalten. „In der Taufe hat unser Bruder/unsere Schwester das neue Leben empfangen. Der Herr vollende an ihm/ihr, was er in der Taufe begonnen hat“, mit diesen Worten wird Weihwasser auf den Sarg/die Urne verteilt. Die im Ruf beschriebenen Bildern der geleitenden Engel, der Empfang durch die Märtyrer, und der himmlischen Stadt Jerusalem werden nun konkret: Wir sind Kinder Gottes, Geschwister Jesu, wir sind Teil der Heilsgeschichte; und Gott belässt uns nicht im Grab, sondern er wird uns auferwecken am Jüngsten Tag und auch schon jetzt in seinen Händen (weiterhin) halten. Nicht Trauer und Verzweiflung sollen uns am Ende eines Lebens beherrschen, sondern Zuversicht und Hoffnung, dass es mit dem Herrn weitergeht.
So, wie eben nicht nur Menschen von uns gehen, wenn ihre Zeit gekommen ist, müssen wir uns auch immer wieder von Ideen verabschieden. Genauso ist es auch mit diesem Format der Corona Impulse, die Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, in den letzten Wochen begleitet haben und, wie wir aus diversen Zuschriften und Aussagen hören durften, Ihnen viel Kraft und Freude gespendet haben. Wir, Herr Schramek, (Familie) Lülsdorff, Michel Ehlker und ich, Kaplan Sluminsky, haben uns über jeden Klick und jede Rückmeldung gefreut und wünschen Ihnen weiterhin Gesundheit (an Leib und Seele) und nun, da die öffentlichen Gottesdienste ja wieder zugelassen sind, gute Andacht! Vielleicht werden uns diese Impulse auch nicht gänzlich genommen, sondern lediglich verwandelt!

Informationen zum Orgelstück

GL 515, Zum Paradies mögen Engel dich geleiten

Text und Audioaufnahme: Kaplan Daniel Sluminsky
Orgel: Michel Ehlker
Gesang: Andreas Schramek, Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff
Aufnahme: Michael Lülsdorff

Beitrag für die Corona - Impulse

Osterlied "Christ ist erstanden" (Gl 318)

Wodurch zeichnet sich eigentlich ein moderner Gottesdienst aus? Vor allem doch wohl dadurch, dass die Gemeinde sich auf unterschiedliche Weise an der Liturgie beteiligt. So modern ist das allerdings auch wieder nicht: In Süddeutschland gab es schon ab dem 12. Jahrhundert die Sitte, in der Ostermesse an das lateinische Lied „Victimae paschali lau-des“ (Gotteslob Nr. 320) anzuknüpfen. Der „normale“ Gottesdienstbesucher verstand zwar nicht viel vom fremdsprachigen Text, konnte darauf jedoch mit dem ältesten erhal-tenen deutschen Kirchenlied antworten: „Christ ist erstanden“.

Die Melodien beider Lieder ähneln einander; sie vermeiden jeden melancholischen Zug, der die Osterfreude beeinträchtigen könnte. Der deutsche Text wirkt ernüchternd kurz – vor allem, wenn man bedenkt, dass es zunächst nur die erste Strophe gab und der Rest erst zweihundert Jahre später ergänzt wurde. Und doch ist das Wesentliche gesagt. „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden“: Mit diesen Worten begrüßen sich unsere ostkirchlichen Schwestern und Brüder die gesamte Osterzeit hindurch. Tat-sächlich hängt an der Osterbotschaft unser ganzer Glaube. Selbst sein machtvollstes Wunder, sein frömmstes und weisestes Wort hätte Christus für immer mit ins Grab ge-nommen, „wär er nicht erstanden“.

Durch seine Auferstehung hat Jesus die „Marter alle“ überwunden: nicht nur seine eige-nen Qualen, sondern die der ganzen Welt. Darüber dürfen, ja sollen „wir alle froh sein“ – nicht sozusagen „auf Kommando“, sondern weil Ostern uns allen Grund dazu gibt! Der „Trost“, der Christus uns sein will, hat ursprünglich einen etwas anderen Sinn als heute. Das zeigt uns der Evangelist Johannes, der in demselben Sinne den Heiligen Geist (und indirekt Christus) als „Tröster“ bezeichnet. Martin Luther schreibt in einer Randnotiz sei-ner Bibel, wie er und die deutschen Bibelübersetzer vor ihm diesen Tröster verstehen: als Beistand gegen die Versuchungen der Sünde und Anwalt gegen die Anklagen des Teufels. Heute würde man ihn vielleicht „Ermutiger“ nennen. Denn hätte Jesus Christus Tod und Teufel nicht besiegt, „so wär die Welt [oder doch zumindest die in Sünde gefangene Menschheit] vergangen“.

Christus, der den Tod besiegt hat, lässt uns auch in Zeiten der Epidemie nicht im Stich. Darum können wir tatsächlich froh sein – oder müssen zumindest nicht trauernd verzwei-feln wie diejenigen, „die keine Hoffnung haben“ (vgl. 1 Thess 4,13).

Für Ihren weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen Gottes Segen und den österlichen Frie-den!

Bad Münstereifel, den 27.04.2020

Diakon Dr. Raimund Lülsdorff

Informationen zum Orgelstück

GL 320, Victimae paschali laudes
GL 318, Christ ist erstanden

Text: Diakon Dr. Raimund Lülsdorff
Orgel: Michel Ehlker
Gesang: Andreas Schramek, Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff
Aufnahme: Michael Lülsdorff

Beitrag für die Corona - Impulse

Charles-Marie Widor (1844 - 1937), Toccata aus der 5. Orgelsinfonie (1879)

Vor ziemlich genau 36 Jahren haben meine Frau und ich geheiratet. Bis heute ist mir von der feierlichen Traumesse nicht zuletzt die Musik zum Einzug in Erinnerung geblieben: Ein befreundeter Kirchenmusiker spielte für uns die Toccata aus der 5. Orgel­sinfonie des französischen Komponisten Charles-Marie Widor, die sowohl Freude als auch Erhabenheit zum Aus­druck bringt. Ein Übriges tut die Virtuosität der Toccata, eines Musikstücks also, das rein instrumental aufgeführt wird und ursprünglich stark von der Improvisation lebte.

 

Widors Orgelstück würde sich aber auch gut als Ostermusik eignen, obwohl er es nicht als solche komponiert hat. Musik vermag nun einmal starke Gefühle sowohl darzustellen als auch auszulösen. Wir erleben das in Corona-Zeiten immer wieder, wenn Musiker verschie­denster Genres und Professionalität zu ihren Instrumenten greifen oder singen, um ihren Mitmenschen Mut zu machen. So wirkt auch die Toccata berührend und ermutigend: Mit den tiefen, majes­tätischen Tönen der Orgelpedale klingt sie geradezu wie der Triumph­marsch, in dem gemäß altkirchlichen Vorstellungen Christus die Seelen der Gerechten aller Zeiten und Orte aus der Unterwelt heraufgeführt hat zum Vater.

 

Die höheren und schnellen, mit den Händen gespielten Töne bilden dazu einen „Klang­teppich“. Sie folgen dem „Perpetuum-mobile-Motiv“, wie Musiker es nennen, lassen also an ein unaufhörlich rotierendes Räderwerk denken, das niemals stillsteht und die Mächte des Todes förmlich niederwalzt. Harmoniert das nicht mit der österlichen Frohbotschaft des Apostels Paulus? „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Römerbrief 6,9). Weder Tod noch Teufel bringen Christus und sein Erlösungswerk zum Erliegen! Wir dürfen einschwingen in diese unauf­haltsame Bewegung, die uns in Christi Ewigkeit trägt – wenn wir nur dazu bereit sind.

 

Widor hat einmal über das Orgelspielen gesagt, es offenbare „einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen“. Als Gottes Sohn vom Tode erstand, hat er uns den Weg zum ewigen Leben förmlich freigesprengt. Die Toccata bringt Widors Überzeugung auf den Punkt, dass das Gefühl des Erhabenen und Unendlichen sich nicht mit Worten ausdrücken lässt, sondern „allein in der Kunst zur wahren Darstellung gelangt.“ Vielleicht ist diese groß­artige Musik ja der direkteste Weg, unser Herz der frohen, österlichen Hoffnung zu öffnen!

Bad Münstereifel, den 20.04.2020

Diakon Dr. Raimund Lülsdorff

Informationen zum Orgelstück

Charles-Marie Widor (1844-1937): aus der 5. Orgelsinfonie f-Moll op. 42,1: 5. Satz – Toccata

Aufnahme: Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff; 

Orgel: Andreas Schramek 

Ihr Christen singet hoch erfreut (GL 322). Impuls für die Osteroktav 2020

Die Osterzeit ist da und 50 Tage lang feiern wir Christen die Auferstehung unseres Herrn. In den ersten acht Tagen drehen sich die Texte der Liturgie um die Berichte von der Entdeckung des leeren Grabes und der Begegnungen mit dem Auferstandenen.


Am Weißen Sonntag hören wir das Evangelium vom ungläubigen Thomas (vgl. Joh 20,19-31), der erst glaubt, wenn er seine Hand in die verwundete Seite Jesu legen kann, sonst glaube er nicht (vgl. Joh 20,25). Ihm reicht es nicht, was er von den anderen Jüngern hört. Er möchte be-greifen! Wie nahe ist er auch vielen von uns heute, die wir vielleicht zweifeln, die wir die Auferstehung einfach (noch) nicht glauben können. Wir wollen ja glauben, aber etwas fehlt uns noch. Und Jesus gibt seinem Jünger das, worum er bittet.


In den Strophen 8-10 von „Halleluja… Ihr Christen, singet hocherfreut“ (GL 322) wird genau das Evangelium vom Weißen Sonntag wiedergegeben und sie bildeten schon in der lateinischen Originalfassung („O filii et fili“ aus dem Ende des 15. Jahrhunderts) den Höhepunkt des Hymnus. Dort wird in der 8. Strophe feierlich das Wort des Auferstandenen an Thomas gerichtet mit einem vierfachen „Vide!“ (Siehe): „Vide Thoma, vide latus,/ Vide pedes, vide manus,/ Noli esse incredulus, alleluja“ („Siehe Thomas, siehe die Seite,/ Siehe die Füße, sieh die Hände,/Sei nicht ungläubig, halleluja“). Ja, sehen soll Thomas! Hinsehen! Immer wieder wird im Osterevangelium vom Sehen gesprochen. Denn immer wieder hören wir vom Auferstandenen, den die Menschen zwar sehen, aber nicht erkennen. So wie Maria von Magdala am leeren Grab sich Jesus hinwendet, ihn für den Gärtner hält und erst als Jesus sie mit Namen ruft, sie ihn erkennt! (vgl. Joh 20,14-16).


Wenn wir in diesen Jubelruf der Kirche einstimmen und mit ehrlichem Herzen den Auferstandenen bitten, er möge sich uns zeigen, dann werden wir ihn sehen, ja in den Zeichen seiner liebenden Gegenwart sogar spüren dürfen und in den Lobpreis einstimmen:
„An diesem Tag, den Gott gemacht,/ sei Lob und Ehr und Preis und Macht/ dem Allerhöchsten dargebracht. /Halleluja.“

Informationen zum Orgelstück

Stück: GL 322, Ihr Christen, singet hocherfreut

Orgel: Andreas Schramek

Gesang: Andreas Schramek, Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff

Kantor: Michael Lülsdorff

Aufnahme: Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff

Text erstellt und gesprochen von Kaplan Daniel Sluminsky

Impuls für Ostern zu Carillon de Westminster von Louis Vierne (1870-1937)

Satt, gelangweilt und irgendwie auch genervt sind wir heute von der christlichen Botschaft. Die Worte kennen wir zu Genüge: Halleluja, Jesus lebt! Der Tod ist besiegt! Die Sünde vergeben! usw. Aber der Inhalt der Botschaft ist uns heute fremd wie eh und je.


Bei den Jüngern war es noch anders. Am Morgen des Ostertages waren sie traurig, wie gelähmt, um dann fassungslos auf das leere Grab zu schauen. Entsetzt über den Verlust des Leichnams Jesu, der letzte Halt, das letzte bisschen Erinnerung war auch weg. Und dann diese Botschaft von den Frauen: Er lebt. Es folgen Fassungslosigkeit, Erstaunen bevor daraus Freude und Glauben werden. Erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen kommt der Glaube. Aber wie können wir heute Menschen helfen, damit sie den Zugang zum Glauben an die Auferstehung finden?


Der Schlüssel kann die Kunst, die Musik, sein, die es schaffen, wie der Auferstandene selbst, uns im tiefsten Herzen zu berühren, damit wir sagen können: Brannte uns nicht das Herz? (vgl. Lk 24,32) Die Musik, die uns ein Verstehen schenkt, dass die reine Ratio übersteigt. So ist es auch mit Carillon de Westminster von Louis Vierne (1870-1937), das in verschiedenen Variationen und Kombinationen das Glockenspiel des Big Ben (Westminster) aufsteigen lässt. So werden wir an die Glocken erinnert, die in der Osternacht wieder erwachen und so ein Symbol für die Auferstehung sind. Die Glocken von Westminster heben uns in die Freude des Osterfestes, so dass wir mit Paulus ausrufen können: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,55)


Die Freude und der Segen des Auferstandenen Jesus Christus möge Sie begleiten!

Informationen zum Orgelstück

Louis Vierne (1870-1937): Carillon de Westminster, op. 64 Nr.6

Aufnahmen: Benjamin Lülsdorff, Michael Lülsdorff, Orgel Andreas Schramek

Text erstellt und gesprochen von Kaplan Daniel Sluminsky