Weihnachtsgrüße und Bilder aus Amare

Esperantina (Piauí), Brasilien, 20. November 2019
Liebe Sternsinger!
Liebe Münstereifeler /-innen!
Vielen bin ich nicht bekannt. Deswegen stelle ich mich kurz vor. Ich bin Johannes Skorzak, Siegburger durch Geburt im Jahre 1956. Mit 5 Jahren verlor ich überraschend meine Mutter und wurde mit meinen Geschwistern in das Kinderheim in Siegburg – Wolsdorf eingewiesen. Mein Vater führte duie Familie durch Widerheirat wieder zusammen und im Jahre 1963 kam ich in die Kath. Volksschule und später auf das Annogymasium in Siegburg, an dem ich 1975 das Abitur ablegte.
In meiner Heimatgemeinde St. Dreifaltigkeit war ich über viele Jahre Messdiener. Gerne war ich dabei. Ich spüre heute tiefe Sehnsucht nach den Zeiten der Volkskirche, in der der Gottesdienst ganz selbstverständlich der Mittelpunkt für uns als Kinder und Heranwachsende bildete. Die Kirche war nicht nur Mittelpunkt des Dorfes, sondern auch allen Geschehens. So machte ich als Schulkind ganz selbstverständlich beim Martinssingen und der Sternsingerkampagne für die notleiden Kinder in der Welt mit.
Im Jahre 1980 habe ich, nach der Beendigung meines Philosohie- und Theologiestudiums in Bonn und Luzern in der Schweiz, in Pedro Segundo im Nordosten Brasiliens ein Pastoral- und Sozialpraktikum angetreten. Dazu hatte mich der Siegburger Pfarrer Norbert Herkenrath, Direktor des St. Angela – Gymnasiums in den siebziger Jahren, gebracht. Viele Jahre leistete er eine leidenschaftliche Missionsarbeit in Brasilien. An seiner Seite habe ich pastoralen und humanitären Einsatz unter den Opfern einer unvollstellbar harten Dürre- und Hungerskatastrophe verrrichtet. Dieses Erlebnis unter den Ärmsten und Verhungernden hat mich emotional schwerstens mitgenommen und meinen weiteren Lebensweg bestimmt. Es war ein Schock, der mir unter die Haut gefahren ist. Darauf gab ich mein Vorhaben auf, in Deutschland Pfarrer zu werden und begann unverzüglich, mit deutschen Freunden, Hilfeleistungen für die hungernden Menschen zu organisieren.
Norbert Herkenrath, mein Lehrmeister, wurde 1982 nach Deutschland zurückberufen. Er wurde von den deutschen Bischöfen zum Geschäftsführer des Hilfswerkes Misereror gemacht. Ein junger Priester aus Esperantina, einer Nachbarstadt, lud mich darauf hin, ein. Ich ging ohne alle persönliche Sicherung. Es war sehr schwer, besonders im Anfang. Entbehrung, Einsamkeit, Verzweiflung und Krankheit verbergen sich dahinter in schmerzhafter Erinnerung. Ich hätte mir in diesen Zeiten nie vorstellen können, eine so lange Zeit in den Tropen lebend zu überstehen.
Auch wenn es mir oft ganz und gar nicht so schien, es hat mich das Vertrauen an unseren Vater im Himmel getragen und daran, dass er mich bei diesem Einsatz nicht alleine lässt. Die Not der Menschen um mich herum war herzzerreisend. Sie wurde mir zu einem starken Handlungsantrieb und hat mich aus meiner lamoyance hochgeriessen
Hunderte von Kindern machten in den achtziger und neunziger Jahren die Strassen Esperantinas zum Ort ihres Ringens ums nackte Überleben. Sie bettelten, klauten, arbeiteten im Steinbruch oder im Schlachthof.
Im Jahre 1990 begann ich, zusammen mit jungen, gleichgesinnten Idealisten aus Esperantina eine Kampagne um Strassenkindern, das mindeste zum Überleben, zu ermöglichen. Wir organisierten Sympathisantengruppen, redeten mit Bürgermeister und Stadtbeamten und baten überall um Mithilfe und Spenden. Damals waren wir für die meisten in Esperantina nur junge Spinner. Und in der deutschen Heimat auch. Am 9. Mai 1990 wurde AMARE, Verein für die bedürftigen Minderjährigen Esperantinas, unter diesen Umständen gebildet.
Anfänglich trafen wir uns auf einem brachen Grundstück am Stadtrand. Im Schatten von Palmen formierten wir die ersten Kindersitzgruppen aus Baumstämmen. Mit Improvisationsbegabung und dem entbehrungssreichen Einsatz eines knappen Dutzend von Freiwilligen gelang es, den ersten verwahrlosten und heimatlosen Kindern menschliche Nähe und warme Mahlzeiten zu vermitteln. Unicef und die Welthungerhilfe wurden als erste Partner auf unsere damals bescheidene Arbeit aufmerksam und gaben uns die erste finanzielle Unterstützung.
Mein Vater wurde 1996 Witwer und das veranlasste mich, ab da meinen Vater regelmässig zu besuchen. Damit war mir die Gelegenheit geboten, Bekannte und Freunde wieder öfter zu besuchen. Ganz langsam gewann AMARE Aufmerksamkeit in der Heimat. Während meiner Studienzeit (1975-80) hatte ich Pastor Ludwig Pützkaul kennen gelernt. Mit ihm verbindet mich eine Freundschaft bis heute. In Bad Münstereifel und Region begann Pastor Pützkaul sich emsig zusammen mit dem engagierten Missionskreis zu regen. Mitglieder des Kreises besuchten AMARE im August 2018.
Mit der engagierten Unterstützung aus der Heimat konnte sich AMARE nachhaltig entwickeln. Das Kinder- und Jugendhilfsprojekt AMARE feiert im Jahre 2020 seinen 30. Gründungstag. Heute werden im Doppelturnus annäherd 500 Kinder und Jugendliche betreut, welche sich in sozialer Verwundbarkeit befinden und unter Gewalt, Vernachlässing und Hunger leiden. Sie werden in ihrer psychosozialen Not aufgefangen. In multidisziplinären Angeboten wie Berufskursen, Sport, Musik, Handwerk, Computereinführung, Tanzen und Theater entdecken sie ihre Talente.
Durch tägliches Gebet und in Werkstätten für ethische Wertebildung werden sie auf ihr Leben in Beruf und Gemeinschaft vorbereitet. Damit werden Freunde, die uns unterstützen, in den Händen Gottes zu seinen Werkzeugen. Dann werden die, früh vom Leid geprüften, Kinder und Heranwachsenden Vertrauen gewinnen und „Vater unser im Himmel“ beten und sich als seine geliebte Kinder fühlen können.
In diesem Jahr sind uns die staatlichen brasilianischen Fördermittel gestrichen worden, weil wir uns dem Versuch der Stadtverwaltung widersetzt haben, uns politisch gleichzuschalten. Ohne deutsche Unterstützung wären wir Gefahr gelaufen, AMARE schliessen zu müssen.
Dazu haben in den letzten Jahren Münstereifeler Katholiken durch die Sternsingeraktion und andere Kampagnen beigetragen.

Ihnen allen in der Eifel wünschen wir von AMARE,

Mitarbeiterteam, meninos und meninas, herzlich
ein frohes Weihnachtsfest!

 

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